UNSERE ARBEITSWEISE
"Eine queer-sensibel ausgerichtete Geburtshilfe verstehen wir nicht als starres Konzept,
sondern als lebendige, lernende Praxis. Sie lebt von Beziehung, Offenheit, Austausch und
der Bereitschaft, Machtverhältnisse zu hinterfragen – immer mit dem Anspruch, Schwangerschaftsbetreuung, Geburtsräume und ein Wochenbett zu schaffen,
in denen Selbstbestimmung, Würde und Vielfalt selbstverständlich sind
und wir uns auf Augenhöhe begegnen."

Was heißt es für uns, queer-sensibel zu arbeiten?
Für uns ist eine queer-sensibel ausgerichtete Geburtshilfe eine Begleitung, die zuallererst diskriminierungssensibel ist. Damit stellen wir uns in eine queer-feministische Denktradition und folgen einem Feminismus, der intersektional ausgerichtet ist. Wir sehen, dass durch patriarchale Strukturen und deren heteronormative Vorstellungen nicht nur “Frauen” Benachteiligungen und Ausschluss erfahren, sondern gleichzeitig auch queere Menschen, Menschen mit Behinderungen und/oder rassifizierte Menschen. Wir möchten die binären Vorstellungen von Mann/Frau durch unsere Praxis aktiv abbauen und dabei auch andere Ausschlussstrukturen mitdenken. Deshalb ist für uns Geburtsbegleitung und Hebammenarbeit per se inklusiv und für alle.
Wen möchten wir besonders ansprechen?
Für alle, das meint, dass wir anstreben, einen Geburtsraum zu schaffen, in dem jede schwangere/gebärende Person so sein darf, wie und wer sie sein möchte. Das ist für uns unabhängig von sexueller Orientierung und/oder geschlechtlicher Identität, Religion, Herkunft, etc. Es spielt für uns keine Rolle, ob du lesbisch, trans*, inter*, nicht-binär bist und/oder in einer poly- oder in einer heterosexuellen Familienkonstellation lebst. Wir hinterfragen nicht, wer kommt und wie das Kind entstanden ist. Wir möchten einen Betreuungsraum für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett gestalten, der ein safe(r) space für alle Familien sein kann und indem wir akzeptieren und nicht ablehnen bzw. die Identität eines Menschen hinterfragen.
Wie arbeiten wir rund um die Geburt?
Es ist für uns zentral von Bedeutung, dass wir – stetig im Austausch mit den gebärenden Personen – auch uns und unsere Privilegien, unsere Sozialisation und unser Wissen reflektieren und neu entwickeln. Wir möchte damit bestehende Wissenshierarchien abbauen, die sich im Verlauf der Medizingeschichte zwischen dem geburtsmedizinischen Personal ("Wissende") und der gebärenden Person ("Unwissende") entwickelt haben.
Eine queer-sensibel ausgerichtete Geburtshilfe ist deshalb immer durch die Interaktion zwischen Gebärender und Geburtshelfer:in geprägt. Wir sehen die gebärende Person als Expert:in für sich selbst. Das heißt, wir beziehen sie stetig in die Entscheidungsprozesse mit ein (“Shared-Decision Making”), handeln nur im Konsens mit der gebärenden Person und erkennen vor allem ihr (Körper-)Wissen und Empfinden an. Damit wird Geburtshilfe zu einer sozialen Praxis, durch die wir selbst weiterlernen, unsere (heteronormativen) Vorstellungen und Lebensrealitäten reflektieren können und sich dadurch auch unsere Praxis stetig verändert.
Wofür eine queersensible Sprache?
Getragen und ausformuliert wird eine queer-sensibel ausgerichtete Praxis zentral durch unsere verwendete Sprache. Sprache ist ein wirkmächtiges Intstrument. Sie schafft Wirklichkeiten, so wie unsere Sprache durch bestimmte Wirklichkeiten geschaffen wurde. Insbesondere die deutsche Sprache, die wir im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Geburtshilfe verwenden, ist eine sehr weiblich vergeschlechtlichte Sprache, die zudem negativ konnotiert ist. Begriffe wie “Muttermund”, “Mutterbrust” oder “Schamlippen” können unbedenklich und empowernd sein, doch ebenso zu Unbehagen bis hin zu einem dysphorischen Körpererleben beitragen. Wir gestalten unsere Sprache gender-sensibel und nutzen zur Benennung der betreffenden Körperregionen die lateinischen Bezeichnungen, da diese neutraler ausgerichtet sind.
Eine queer- und diskriminierungssensibel ausgerichtete Schwangerschafts- Geburts- und Wochenbettbegleitung soll weniger eine bestimmte Sprache vorgeben. Vielmehr ist es wichtig, dass das Paar von gebärender und geburtshelfender Person eine gemeinsame Sprache findet. Um diese zu finden, nutzen wir offene Fragen anstelle gesetzter Annahmen. Wir lassen uns nicht von äußerlichen Zuschreibungen auf die (werdende) Familie leiten, sondern stellen offene Fragen an das Gegenüber: “Wie heißt du?”, “Welches Pronomen verwendest du?”, “Wer ist mit dir hier?”, “Wie möchtest du, dass ich deinen Körper nenne?”, sind hierfür hilfestellende Fragen und erleichtern es, einen safe(r) space zu kreieren.
Hier kommst du unserem Glossar, in dem Begriffe rund um Queerness & Elternschaft einfach erklärt werden.
Wie stehen wir zu uns Selbst bei unserer Arbeit?
Zuletzt bedeutet eine queer-sensibel ausgerichtete Geburtsbegleitung auch die Selbstfürsorge für uns als Hebammen*, Doulas oder anderen geburtshelfenden Personen. Regelmäßig nach den eigenen Grenzen zu fragen oder die eigenen Ressourcen zu kennen, sind dafür wichtige Anker. Darüber hinaus ist es auch wichtig, die eigenen Emotionen im Kontext unserer Arbeit kennenzulernen, einzuschätzen und Strategien zu finden, um diese zu behalten oder aufzulösen. Zur Selbstfürsorge für uns gehört auch, das eigene Nicht-Wissen zu erkennen und anzuerkennen, um es in bestimmten Situationen kommunizieren und aufzeigen zu können. Wir müssen nicht alles wissen. Wir dürfen uns stets zugestehen, dazu lernen zu können und nachfragen zu dürfen.